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| "Das 'Innere Kind' ist ein tief versteckter Teil von uns, mit
wenig Vertrauen, geschützt durch Verdrängung und Kompensation. Diesen
Teil tragen wir alle in uns, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht und ob
uns das gefällt oder nicht." |
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| LEHREN - ENSPANNT UND
GLAUBWÜRDIG |
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| So lassen sich schwierige
Situationen im Schulalltag meistern. |
| von Peter Hasler |
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| Mein
grösstes Manko als Lehrer war, dass ich nicht darauf vorbereitet wurde,
was in der Arbeit mit Jugendlichen auf mich zukam: das Hinstehen vor 20
Schülerinnen und Schülern, die etwas von mir wollen oder auch nichts
die desinteressiert erscheinen, schnell abgelenkt, sich subtil
verweigern oder auch offen rebellieren. Ich stehe da mit meinen durchdachten
Präparationen und Ideen zur Schulstunde und habe kein richtiges
Gegenüber, interessiert, aufmerksam, mir zeigend, dass jetzt in diesem
Moment der Stoff das Wichtigste ist - wie mir, es ist doch mein Beruf, meine
Aufgabe! Wie
geht man damit um? Ist dies das Kernproblem in unserem Beruf? Ich biete etwas
an und habe das Gefühl, eigentlich will fast niemand etwas von mir
annehmen, ausser ich drohe, diszipliniere, komme mit Notendruck, strafe,
ermahne, helfe oder motiviere. Diese Situation stresst und bringt psychische
Belastung.
Ist das der Grund,
warum viele Junglehrerinnen und lehrer aufgeben, Ältere krank
werden, für andere die Nebenbeschäftigung zum Hauptereignis wird und
das Schulegeben so nebenbei passiert?
Ich unterrichte seit
25 Jahren und wollte auch schon aufhören. Warum habe ich es nicht getan?
Zwei Dinge haben mir geholfen, zwei Qualitäten, die ich heute für
jede Lehrperson als unerlässlich ansehe: Glaubwürdigkeit und
Gelassenheit. Wer die Fähigkeit besitzt, entspannt und glaubwürdig zu
unterrichten, der ist gerettet. Diese beiden Qualitäten sind
mit dem Konzept des Inneren Kindes erlernbar. Es ist ein
Hilfsmittel, die beiden Kompetenzen zu verstehen und im Unterricht
anzuwenden.
Jeder Mensch hat ein
Inneres Kind und wir gebrauchen diesen Begriff als Metapher
für einen ganz verletzlichen, sensiblen Raum in uns. Das Innere
Kind ist ein tief versteckter Teil von uns, mit wenig Vertrauen,
geschützt durch Verdrängung und Kompensation. Diesen Teil tragen wir
alle in uns, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht und ob uns das
gefällt oder nicht. |
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"Ich stehe da mit meinen durchdachten Präparationen und
Ideen zur Schulstunde und habe kein richtiges Gegenüber, interessiert,
aufmerksam, mir zeigend, dass jetzt in diesem Moment der Stoff das Wichtigste
ist - wie mir, es ist doch mein Beruf, meine Aufgabe!" |
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| Drei Schichten im
Menschen |
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Bei
diesem Ansatz ist es hilfreich, sich dreier Schichten im Menschen bewusst zu
sein, und bei jedem Verhalten eines Menschen ist eine dieser Schichten
beteiligt:
- Äussere
Schicht die Schicht von Schutz und Kompensation
- Mittlere Schicht
die Schicht des Inneren Kindes
- Innere Schicht
die Schicht von Präsenz und Achtsamkeit
In der äusseren
Schicht sind wir im Zustand der Verteidigung. Wir sind damit beschäftigt,
uns zu schützen, weil sich das "Innere Kind" nicht sicher genug
fühlt, um sich zu zeigen. Als Lehrer oder Lehrerin erleben wir die
äussere Schicht in folgenden Formen:
- Schüler, die
niemanden an sich heranlassen , die verschlossen, gepanzert,
zurückgezogen, vorsichtig oder schweigend sind
- Schüler, die
ihr "Inneres Kind" sowohl vor sich selber als auch vor anderen hinter
einer Rolle verstecken, wie z. B. Opfer sein oder Arroganz
- ausagierende
Schüler kämpfend, schmollend, trotzig, zu spät kommend,
Aufmerksamkeit und Anerkennung fordernd.
In der mittleren
Schicht ist die Person mit ihrem "Inneren Kind" in Berührung.
Das kann sich als Angst oder Wut, Kummer, Schuldgefühle, Scham oder Schock
zeigen. Jeder Mensch erfährt sein "Inneres Kind" auf dieser
Ebene einzigartig, entsprechend seiner emotionalen Natur. Für einige mag
es sich als starkes Gefühl von Wut oder Traurigkeit zeigen, für
andere als Schock gelähmt, betäubt, nicht fähig zu
sprechen oder auch nur irgendetwas zu fühlen.
Die innere Schicht
ist die Schicht von Achtsamkeit und Bewusstheit. Die trägt jeder von uns
in sich, es gibt aber grosse Unterschiede, wie viel jedem davon zur
Verfügung steht. Für einige sind die Emotionen der mittleren Schicht
oder der Schutz der äusseren Schicht so stark, dass wenig bewusste
Präsenz und innere Achtsamkeit vorhanden sind. Andere haben die
Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und die eigene Abwehr zu
sehen oder ein wenig Distanz zu den starken Gefühlen des Inneren
Kindes zu bekommen.
Diese drei Schichten
tragen wir alle in uns: ob Schülerin oder Schüler, Lehrerin oder
Lehrer, ob Kolleginnen oder Kollegen, Schulleiter oder Schulleiterin und auch
der Abwart. Was sich beobachten lässt ist die Tatsache, dass wir uns
mehrheitlich in der äusseren oder mittleren Schicht befinden. Wenn wir uns
in einer dieser Schichten befinden, ist es nicht möglich, glaubwürdig
und entspannt zu sein. |
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| Schüler und Lehrer im reaktiven Tanz |
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Im
Unterricht zeigt sich diese Grundsituation in einem Verhalten, das wir den
reaktiven Tanz nennen: Lehrerverhalten provoziert
Schülerverhalten, Schülerverhalten provoziert Lehrerverhalten. Auf
dieser Ebene brauchen wir viel Energie für den Schutz unserer Gefühle
und Verletzlichkeit und das entsprechende reaktive Verhalten gegenüber den
Menschen um uns. Auf dieser Ebene wird Lernen behindert, die Lehrperson
verliert an Vertrauen, Disziplinarprobleme beherrschen den Unterricht, die
Freude am Beruf geht verloren, Schule wird zur Belastung und vor allem
es gibt keinen Ausweg. Oder doch?
Es liegt in der
Verantwortung der Lehrperson, aus diesem reaktiven Tanz
auszusteigen. Und: Die Lehrperson erwartet und erzwingt nicht, dass die
Schülerinnen und Schüler ihr Verhalten ändern, sondern die
Lehrerin oder der Lehrer beginnt damit.
Was heisst dies
konkret für meinen Unterricht?
- Ich verstehe, dass
wir im Unterricht oft in Re-Aktion sind.
- Diese Reaktionen
sind automatisch und tief verwurzelt.
- Ich lege mehr Wert
auf Beobachten anstatt Re-Agieren.
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| Scham, Schutz,
Attacke |
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| Ein
Beispiel, das mir im Unterricht passiert ist: Ich erkläre der Klasse
etwas, und ein Schüler lacht. Ich spüre, wie ich wütend werde,
wie ich dreinschlagen könnte. Es stellt sich heraus, dass der
Nachbar dem Schüler einen Witz erzählt hat. Ich konnte mir meine
Aggressivität nicht erklären, bis ich dann spürte, dass ich das
Gefühl hatte, ich werde ausgelacht, ein Gefühl, das mich sehr stark
an meine Kindheit erinnert.
Das Lachen des
Schülers brachte mich in die mittlere Schicht, in meine Verletzlichkeit in
Form von Scham und dann abrupt in die äussere Schutzschicht, in meine
Re-Aktion in Form von Attacke.
Dieses Verhalten
führt zu nichts oder besser gesagt zu nichts Gutem.
- Ich verliere an
Glaubwürdigkeit, weil meine Schüler intuitiv spüren, dass mein
Inneres Kind in dieser Situation reagiert hat und nicht mein
erwachsener Teil. Zu meinem reagierenden Inneren Kind
kann die Klasse kein Vertrauen aufbauen, das ist nicht möglich.
- Ich bin
manipulierbar, die Schüler können mich genau dorthin bringen, wo sie
mich haben möchten, und ich muss dann wieder darauf reagieren.
- Wir brauchen viel
Kraft und Energie, uns immer wieder zu schützen und immer wieder darauf zu
reagieren. Dies gilt für alle Teilnehmer am Unterricht.
In meinen Kursen
stellen wir Unterrichtssituationen auf die Lehrperson mit Schüler
oder Schülerin. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie einfach
sich die Lösungen ergeben, wenn die Lehrperson aus dem reaktiven
Tanz aussteigt. Dann zeigt sich, was energetisch abläuft. Was
würde die Energie der Beteiligten sagen, wenn sie sprechen könnte?
Die Bewegung der Energie spricht die Wahrheit und gibt eine gute
Lösung.
Was heisst also
glaubwürdig und gelassen unterrichten?
1. Verstehen, dass
Schülerverhalten oft eine Schutzrolle des Inneren Kindes ist
und sie sich deshalb als Kämpfer, Zurückzieher, Schmeichler oder
Kontrollierer zeigen.
2. Anerkennen, dass
dies auch für die Lehrperson gilt.
3. Die
Fähigkeit, Geschehnisse innerlich halten zu können, zu beobachten
und, wenn nötig, eine passende Antwort zu geben, die nicht aus einer
Re-Aktion kommt, sondern aus Klarheit. Es mag eine starke und kraftvolle
Handlung sein, etwas, das gesagt oder getan werden muss, oder es mag ein
Nichthandeln sein.
4. Die
Fähigkeit der Lehrperson, aus Konfliktdynamiken auszusteigen.
5. Den Spagat
machen zwischen Wertschätzung geben und Grenzen setzen.
6. Ein
Verständnis in den Unterricht bringen, welches reaktivem Verhalten wie
Beschuldigen,
Kämpfen, Sich Zurückziehen, Beleidigtsein, Angreifen, Überpowern
oder Strafen den Boden entzieht.
7. Aber es bedeutet
auch, dass das Innere Kind der Schüler immer wieder testen
wird, ob sich die Lehrperson im erwachsenen Teil befindet oder in
den Emotionen und Reaktionen ihres Inneren Kindes gefangen ist.
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"Die Präsenz der
Lehrperson ist ansteckend und hilft allen, weniger Energie in den 'reaktiven
Tanz' zu stecken." |
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| Wissen, was gespielt
wird |
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Jochen Grell benützt in
seinem lesenswerten Buch Techniken des Lehrerverhaltens den Begriff
with-it-ness. Zitat: With-it-ness ist die Fähigkeit des
Lehrers, den Schülern zu demonstrieren, dass er 'hinten Augen hat', dass
er weiss, was gespielt wird.
Diese Fertigkeit setzt
voraus, dass sich der Lehrer vorstellen kann, was in den Schülern vorgeht,
welche Interessen sie haben, worüber sie lachen, warum sie sich
langweilen, dass sie auf der Toilette rauchen, dass sie versuchen, den Lehrer
auf sein Spezialthema zu locken, damit der die Hausaufgaben vergisst usw.
Der Lehrer braucht kein
Detektiv- oder Verdachtsschöpfer zu sein, um diese Fertigkeit zu haben, es
genügt, wenn er versteht, was geschieht und den Schülern dieses
Verständnis kommunizieren kann.
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| Humus für gute
Lernatmosphäre |
Mit dem obgenannten
Werkzeugkasten ist es mir noch nicht verleidet, mich vor 20 Naseweise,
Trötzler und Träumer hinzustellen. Die Präsenz der Lehrperson
ist ansteckend und hilft allen, weniger Energie in den reaktiven
Tanz zu stecken.Was dann übrig bleiben kann, ist ein distanziertes,
entspanntes Verständnis gepaart mit klarem und glaubwürdigem Handeln.
Das ist der Humus, auf dem eine gute Lehr- und Lernatmosphäre wachsen
kann.
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2010 © Peter Hasler
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